Nervenkompressionssyndrome

Ein Ganglion (*) an der Vorderseite des Ellbogens drückt auf den tiefen Ast des Nervus Radialis (Pfeil). Dies verursacht Schmerzen und Probleme bei der Fingerstreckung. 

 

In dieser Situation konnte der Nerv in einer Arthroskopie durch das Gelenk dekomprimiert werden. 

 

 

Drei Nerven verlaufen in der Tiefe des Ellbogens und versorgen die Muskeln des Unterarms und der Hand. Weiter oberflächlich ist der Ellbogen von jenen Nerven umschlossen, die die Haut sensorisch versorgen. Die tiefen Nerven haben über weiter Strecken sehr komplizierte Verläufe um Knochen herum, unter Bänder hindurch und zwischen Muskelgruppen entlang. Wie leicht ein Nerv dabei irritiert werden kann weiß jeder, der sich schon einmal das „narrische Bein“ am Ellbogen angeschlagen hat – mit dem typischen Kribbeln im kleinen Finger als Folge.

 

 

Was ist das Problem?

 

Entlang ihres Verlaufs können Nerven eingeklemmt oder abgedrückt werden. Dies kann in einem gesunden Ellbogen durch Fehlhaltung oder –belastung geschehen. Bei anderen Patienten gibt es angeborene, anatomische Varianten, wie vergrößerte Knochen oder zusätzliche Gefäße, die auf die Nerven drücken können. Aber auch degenerative Prozesse oder Verletzungen können die innere Landschaft des Ellbogens ausreichend verändern um einen Nerven zu kompromittieren.

 

 

Warum tut das weh? Was sind die Symptome?

 

In der Frühphase einer Nervenkompression entsteht der Schmerz an der „abgekoppelten“ Stelle an der Hand. Beim Nervus Ulnaris ist das der kleine Finger, beim Nervus Medianus die taube Handfläche. Wenn der Nerv auch Muskeln versorgt, dann können diese „einschlafen“.

 

In späteren Phasen leidet der Nerv selber, da seine innere Durchblutung zu lange und zu häufig abgeschnürt wurde. Das ist prognostisch eine ungünstige Situation.

 

 

Wie erfolgt die Diagnose?

 

Die Diagnose kann zumeist schon in der Sprechstunde durch sogenannte Provokationstests erfolgen. Dabei wird durch gezielten Druck auf den Nerv die typische Symptomatik provoziert.

 

In vielen Fällen hilft die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und eine Elektromyographie die Diagnose zu bestätigen. Erstere testet den Nerv auf Funktion, letztere das Effektororgan als „EKG des Muskels“. Bei manchen Patienten, zum Beispiel mit einer Kompression des tiefen Ast des Nervus Radialis, hat sich in letzter Zeit gezeigt, dass diese Pathologie nicht auf die Nervenleitgeschwindigkeit und eine Elektromyographie anspricht. Das kann zu falsch negativen Befunden führen.

 

Um das zu vermeiden, hat sich in letzter Zeit die Ultraschalldiagnostik immer mehr durchgesetzt. Dabei kann nicht nur der Nerv verfolgt und Einengungen gesehen werden, sondern auch die Durchblutung mittels Dopplersonographie kontrolliert werden. Auch eine sofortige Behandlung mittels Infiltration kann in der gleichen Sitzung erfolgen.

 

 

Gefahren und Stolpersteine:

 

Nervenkompressionssyndrome können schwer zu fassen sein. Zum Glück sind die therapiebedürftigen Fälle relativ selten. In der Mehrzahl der Fälle ist die Nervenproblematik mit einer anderen Verletzung, zum Beispiel einer Instabilität, einer Fraktur oder einer Arthrose, assoziiert.

 

Die Kompression des tiefen Asts des Nervus Radialis wird oft mit einem Tennisarm verwechselt. Die Schmerzen sind aber etwas weiter vorne und werden eher bei „Schraubendreher“-Bewegungen, als bei Handgelenksstreckung, schlimmer.

 

Der schlimmste Stolperstein sind aber sogenanne „double-crush“ Probleme. Dabei ist der Nerv am Ellbogen und am einer zweiten Stelle betroffen, typischerweise an der Halswirbelsäule.

 

 

Konservative Behandlung:

 

Fast 80% der Fälle sprechen gut auf eine konservative Therapie an. Zuoberst steht dabei die Korrektur von Fehlhaltungen. In der Zeit vor ergonomischen Arbeitsesseln und Keyboards war die Kompression des Nervus Ulnaris auch als Programmiererellbogen bekannt. In schweren Fällen kann auch eine Schiene, besonders in der Nacht, hilfreich sein. 

 

In der Physiotherapie kann der Ellbogen gestärkt und kurze Muskeln gedehnt werden. Damit wird die Bewegung runder. Gleitübungen können die Überdehnung von Nerven vermindern.

 

Die wichtigste Option in der konservativen Therapie ist jedoch der Ultraschall. Zuerst kann die Diagnose bestätigt und der Punkt der Einengung gefunden werden. Dann kann dort gezielt eine Infiltration erfolgen, es kann sogar mit Hydrodissektion, sprich mit Wasserdruck, Narbengewebe aufgedehnt werden um Nerven zu befreien.

 

 

Operative Behandlung:

 

Bei anhaltendem Schmerz trotz konservativer Therapie oder bei Ausfällen durch Nervenkompression sollte über eine Operation gesprochen werden. Die genaue Art und der Umfang der Operation können sehr unterschiedlich sein. Allen gemein ist jedoch, dass nicht mehr Schaden angerichtet werden sollte, als schon besteht. Das klingt auf den ersten Blick logisch, aber auf Grund der komplexen Anatomie des Ellbogens und der Variabilität der Nervenverläufe kann die „einfach Dekompression“ schnell eine technisch sehr herausfordernde Operation werden.

 

 

Postoperative Nachbehandlung:

 

Die postoperative Nachbehandlung der Nervendekompression ist recht unspezifisch und meistens von der Nachbehandlung von Begleitverletzungen dominiert.

 

Man darf nicht außer Acht lassen, dass die Erholung des Nervens erst nach der Operation langsam beginnt. Da die Nerven einen sehr langsamen Stoffwechsel haben kann es im Extremfall bis zu 18 Monate dauern bis der volle Effekt der Operation spürbar wird!

 

 

Erfolgsaussichten:

 

Die Erfolgsaussichten nach der Operation sind eigentlich sehr gut, aber es gibt einige Risikofaktoren.

 

Präoperativ sind es vor allem das zu lange Zuwarten und eine etwaige double-crush Situation, die die Erfolgsaussichten schmälern.

 

Intraoperativ ist die schlimmste Komplikation eine Nervenverletzung. Diese führt zur häufigsten Komplikation, eine unzureichende Dekompression (aus Angst vor einer möglichen Nervenverletzung). 

© 2016 by Patrick Vavken. 

Alle Rechte vorbehalten.

Alle Operationsbilder mit ausdrücklicher Erlaubnis der Patienten. 

Impressum und Datenschutz.